Matthias Kuse
Als ich früher gelegentlich bei meiner Großmutter zu Besuch war, ergab es sich manchmal, dass ich erleben konnte, wie die Friseurin R. ins Haus kam, und meiner Großmutter das Haar wusch und legte. Das geschah immer in regelmäßigen Abständen, die auch durch den Besuch eines Enkels nicht unterbrochen worden sind. Solche Tage trugen immer beinahe festlichen Charakter, denn sie waren in Gänze auf die Ankunft der und die Behandlung durch die Frau R. ausgerichtet. Ich sehe meine Großmutter noch unter einem seidenem Umhang in hellem Licht ergeben und erwartungsvoll vor dem Waschbecken im Badezimmer ihrer Altbauwohnung sitzen. Ihr seidener Umhang erinnert mich jetzt an mein Regencape, das aus derbem Plastik ist. Dazu die gleichförmig dahinfließenden, fast raunend geführten Gespräche der einander zugewandten Damen, von denen ich denke, dass sie oft vom Krieg gehandelt haben werden. Am Ende der Prozedur (Verabschiedung der Frau R.) war ich davon überzeugt, dass sich meine Großmutter in ihrem Äußeren nicht merklich verändert habe.
Als Jugendlicher gab es für mich Irritationen beim Zugang zum "progressive rock experience" der späten sechziger/frühen siebziger Jahre. Kevin Ayers & The Whole World mit Lol Coxhill, der von seinem Äußeren an den pensionierten Mathematiklehrer, den wir in der Schule hatten, erinnerte (ein starker Kontrast zu dem "Schönling" Kevin Ayers!) irritierte sehr mit einer Musik, die sich zwischen schnulziger Straßencafe-Romantik und praenatalen Soundcascaden bewegte. Zwar war das nicht "das Schrecklichste, was ich in meinem Leben gehört habe", gehörte aber doch für eine lange Weile zum Fremdesten und Anziehendsten, was ich bis dahin kennengelernt hatte.
Zu den herausragenden Erlebnissen im Zusammenhang mit den ANS gehörte eine Wiederbegegnung mit Markus anlässlich eines Auftrittes von Lol Coxhill in Bremen. Dem Markus, ohne den ich eine Reihe bedeutender Menschen nicht kennengelernt hätte. Und ohne dessen Zutun ich am 5. Januar 2003, einem kalten Wintertag, nie in Halberstadt gewesen wäre. Ein Musiker vor dem Herrn.




