Ich melde mich jetzt doch schon aus München, um ein paar erste Eindrücke wiederzugeben. Zwei Prozeßtage sind um, zwei weitere werden noch folgen. Im Mittelpunkt stand die Befragung eines historischen Sachverständigen – überwiegend durch die Verteidigung. Wenn man zu diesem Thema etwas über den engeren und weiteren Kontext erfahren möchte, dazu prägnant formuliert, dann wird diese Befragung zu einer Fundgrube. Auch wenn es dabei nicht direkt um Sobibor geht. Die Vorgänge dort klingen nur hin und wieder an. Der springende Punkt bei diesem Verfahren scheint mir darin zu liegen, dass man eine Lücke schließen will, indem man den Typus der ukrainischen Freiwilligenverbände und deren Funktion auslotet, worum sich dieser Prozeß ja dreht. Die Verhandlungen sind im Moment nicht übermäßig besucht. Ich würde schätzen, nicht über dreissig Personen. Die Absperrgitter vom Andrang zu Beginn sind aber noch vorhanden. Der Angeklagte verhält sich so, wie man es kennt. Er wirkt vollkommen versteinert, sagt nichts. Er wird auf sein Bett gehoben und liegt dort weithin regungslos. Eine Dolmetscherin gibt ihm jedes Wort, das in der Verhandlung fällt, wieder. Angehörige scheinen nicht da zu sein, ebenso wenig eine ukrainische Unterstützerschar. Im Publikum sitzen einige Leute aus den Niederlanden, einer der Nebenkläger ist offenbar auch aus Holland. Ein paar Presseleute sind da und schreiben mit. Der Verteidiger reitet regelmäßig Pflichtattacken gegen die Prozeßführung, indem er moniert, dass man ihm die Wahrnehmung seines Mandats ganz umöglich mache, ihm elemantare Rechte vorenthalte. Das wirkt wie kindische Ungezogenheiten. Der Bursche läßt sich dann auch einfach nicht bremsen. Als gestern einer der Nebenkläger, ein Rechtsanwalt Koch, die Feststellung traf, dass die Verteidigung auf der einen Seite Vernehmungen durch den russischen Geheimdienst und Dokumente aus russischer Provenienz als nicht gerichtsverwertbar zu diskreditieren versucht, auf der anderen Seite sich dort aber freizügig bedient um den Angeklagten zu entlasten, da begann der Verteidiger geradezu zu toben und sprach den Nebenkläger sogar mit seinem Namen an. Sonst ignoriert er Einlassungen von dieser Seite völlig. Der Vorsitzende hat’ nicht leicht…. Gesprochen wurde an diesen Tagen über die sogenannten Trawnikis. Das waren die Ukrainer, die man in den Kriegsgefangenenlagern rekrutierte und in einem Lager in Trawniki, das ist der Nähe von Lublin, ausgebildet hat. Diese Leute standen in der Hierarchie unter der SS und haben in den Lagern Sobibor,Belzec und Treblinka sowie bei den Ghettoräumungen die allerübelsten Tätigkeiten – im Volksmund: Drecksarbeiten – verrichtet. Das sind die ersten Eindrücke von diesem Verfahren.